Kürzlich habe ich diesen Artikel von Heribert Seifert gelesen.
Der Artikel hat mich inspiriert diesen Blogbeitrag zu schreiben.
Was mich immer schon gestört hat am Geschichtsunterricht über die NS-Zeit ist, dass hierfür der Kinder- und Jugendschutz anscheinend absichtlich außer Kraft gesetzt wird.
Interessanterweise enthält das Jugendschutzgesetz in seinem § 15 "Jugendgefährdende Trägermedien" explizit eine Ausnahme, mit der es ermöglicht wird, Kinder und Jugendliche mit den Schrecken des Holocaust zu konfrontieren:
Streng verboten sind "schwer jugendgefährdende Medien", "die Menschen, die sterben oder schweren körperlichen oder seelischen Leiden ausgesetzt sind oder waren, in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellen und ein tatsächliches Geschehen wiedergeben, ohne dass ein überwiegendes berechtigtes Interesse gerade an dieser Form der Berichterstattung vorliegt".
Diese Ausnahme ist maßgeschneidert, um Kinder und Jugendliche, für die FSK-16-Computerspiele mit fiktiven Gewalttaten als Inhalt angeblich nicht zumutbar sind, mit einem der größten und grausamsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte konfrontieren zu können und ihnen zu eröffnen, dass sie Nachfahren irrer Massenmörder sind.
Was sie im Hollywood-Film niemals sehen dürften, weil sonst schwerste psychische Schäden zu erwarten wären, ist im Rahmen des Geschichtsunterrichts auf einmal zumutbar.
Aber ist dies pädagogisch sinnvoll, zielführend, notwendig?
Schon als ich in der Schule war hat mich diese "Schocktherapie" nicht überzeugt. Sie führt meiner Meinung nach eher zu reflexhafter Ablehnung des Themas als zu irgendeinem positiven Effekt.
Es ist absurd und grausam, heutige Kinder und Jugendliche, die mit der NS-Diktatur rein gar nichts zu tun haben, per Holocaust-Schocktherapie quasi "präventiv entnazifizieren" zu wollen.
Während dies nach dem zweiten Weltkrieg notwendig gewesen sein mag, um den Menschen die Augen zu öffnen, ist es heute anachronistisch und unnötig.
Wer diese Form des Geschichtsunterrichts erlitten hat, der weiss dass es kein gutes Gefühl ist plötzlich den Eindruck zu gewinnen, per Geburt, quasi im Rahmen einer Sippenhaft, unter Faschismus- und Antisemitismusverdacht zu stehen. Und zwar unter einem dem Anschein nach so dringenden Verdacht, dass die drastischsten Mitteln notwendig sind, die drohende Weiterentwicklung zum irren Massenmörder-Nazi noch aufhalten zu können.
Kein Jugendlicher sollte im Unterricht Horrorstories über folternde Ärzte und Lagerkommandanten anhören müssen, die Kinder verhungern oder erfrieren lassen, in ihrer Wohnung Lampenschirme aus Menschenhaut haben oder vom Balkon aus zum Spaß Leute erschießen. Sogar beim Thema Nationalsozialismus heiligt der Zweck der Belehrung der Jugend über diese Diktatur nicht die Mittel, und manchmal können auch Fotos von Millionen Brillengestellen, in Kombination mit dem richtigen Text, bei Jugendlichen mehr Albträume verursachen als positiven geschichtspädagogischen Effekt hervorrufen.
Wir müssen darum meiner Meinung nach zu einer wissenschaftlicheren, pädagogischeren, psychologisch vertretbareren Form der Wissensvermittlung über die NS-Diktatur im Geschichtsunterricht finden. Ich jedenfalls habe in Erinnerung, dass die in diesem Focus-Artikel beschriebenen Probleme mit der aktuellen Form des Geschichtsunterrichts auch zu meiner Zeit schon bestanden.
Womöglich könnte sich die Behandlung des unsäglich dämlichen Buchs "Mein Kampf" eines gewissen Gefreiten A. Hitler im Deutsch- und Geschichtsunterricht als wesentlich effektiveres Mittel gegen jegliche Tendenz zum Neo-Nazismus erweisen als die bisherige Schock-Methodik des Geschichtsunterrichts.
Das sollte man durchaus mal Ausprobieren.
Kommentare
"Schocktherapie"
auch ich habe das Thema Holocaust im Geschichtsunterricht als "Schocktherapie" empfunden und auch ich teile deine Meinung, dass diese nicht sinnvoll für die sachliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist. Dies ist übrigens auch die Position in der israelischen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem, die aus diesem Grund deutsche Lehrer für einen Wandel in der Herangehensweise zum Holocaust in speziellen Weiterbildungskursen animieren wollen. Dein Vorschlag sich im Rahmen des Geschichtsunterrichts offen und sachlich mit Nazi-Propaganda auch in Schriftform (u.a. Mein Kampf) halte ich prinzipiell auch für eine bessere Lösung. Um die Ideengeschichte des Antisemitismus zu verstehen, währe es allerdings nötig auch die Vorgeschichte in den Lehrplan einzubauen und auch aktuelle Phänomene wie den modernen Antisemitismus und Antizionismus anzusprechen. Die bisherige Abschreckungsmethode führt nur zu Ignoranz und falschen Schuldgefühlen. Um die Lehren aus dem Holocaust zu ziehen, sollte man allerdings Verantwortung üben, dass ähnliche Vorfälle nicht wieder passieren.