Die Medienindustrie bastelt sich einen Milliardenschaden oder: Lohnt sich ACTA?

Die Medienindustrie erleidet jährlich Milliardenschäden!!!

Das sagt wer? - Die Medienindustrie!
Sie rechnet das aus, indem sie die Zahl illegaler Downloads schätzt (die wirkliche Zahl kennt niemand), hypothetische Preise für die mutmaßlich kopierten Stücke festlegt und dann die beiden Phantomzahlen multipliziert. Und voilá, wir haben einen Milliardenschaden! Milliardenschäden sind schlimm, das verstehen auch Politiker, und darum war es für die Medienindustrie bisher auch ganz leicht Parlamentarier und Regierungen davon zu überzeugen dass zur Abwehr dieser Milliardenschäden alles Menschenmögliche getan werden muss. Denn wer wollte schon an Milliardenschäden schuld sein - das sind immerhin Schäden in der Größenordnung von Fukushima.

Aber vielleicht sollte man trotz der Milliardenschäden!!! nicht gleich den Kopf verlieren. Denn aus verschiedenen Gründen sind diese Schadensberechnungen nicht seriös:

  1. Ein nicht-lizenzierter Download verursacht keinen materiellen Schaden beim Rechteinhaber. Die Fähigkeit des Rechteinhabers seinerseits Kopien zu verkaufen wird durch die unautorisierte Kopie nicht beeinträchtigt.
    Es entsteht nur ein imaginärer Schaden dadurch, dass der Rechteinhaber das heruntergeladene Stück möglicherweise nicht mehr an denjenigen oder diejenige verkaufen kann der es ohne zu zahlen kopiert hat.
    Untersuchungen deuten allerdings darauf hin dass Menschen die Medien aus dem Internet unautorisiert herunterladen auch legal mehr Medien konsumieren. Vom möglichen Schaden abzuziehen wäre bei einer fairen Rechnung also die mögliche verkaufsfördernde Wirkung der nicht autorisierten Downloads.
    Schließlich verbreitet die Medienindustrie selbst ihre Inhalte per Radio und Fernsehen um Käufer zu gewinnen; eine verkaufsfördernde Wirkung von Werbung per kostenloser Verbreitung kann also nicht bestritten werden.
  2. Mal angenommen die phantasievoll zusammengerechneten Milliardenschäden wären real. Mal angenommen wir würden durch die totale Internetüberwachung und Taschenkontrollen an jeder Straßenecke der Verbreitung illegaler Medienkopien den Garaus machen. Würden die Menschen dann wirklich die imaginären Milliarden auftreiben können um alle Medien legal zu kaufen? Wie würde es sich auf die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung auswirken wenn zusätzliche Milliarden zu den Produzenten eines Wirtschaftsguts fließen würden dessen Erzeugung auch heute gewinnbringend möglich ist? Ist es wirklich im Interesse unserer Gesamtwirtschaft wenn Kaufkraft in Milliardenhöhe fast 1:1 als zusätzliche Gewinne in die Kassen von Medienunternehmen fließen? Würden die Milliarden dann nicht an anderer Stelle fehlen? Müssten dann nicht bei einem funktionierenden Markt die Preise für Medieninhalte sinken? Und sind nicht die imaginären Milliardenschäden der Medienindustrie darum von vorneherein eine Milchmädchenrechnung?
  3. Im Internet nach Medien suchen tun vor allem Menschen mit viel Zeit und wenig Geld; das sind vor allem Schüler, Studenten, Arbeitslose. Diese Menschen haben nicht die Kaufkraft um all zu viele Medien legal zu erwerben. Das bedeutet: Das zusätzliche Käuferpotenzial das hinter den unautorisierten Downloads vermutet wird ist womöglich gar nicht vorhanden, zumindest nicht in der Größenordnung der angeblichen Schäden.
  4. Die Milliardenschäden liegen nach nicht ganz neuen Schätzungen der Filmindustrie bzw. Schätzungen der Musikindustrie im Bereich von 4,5 bzw. 4,7 Mrd. Euro - allerdings weltweit. Also inklusive China, Indien, Russland, Mexiko etc. und inklusive Produktfälschungen und nicht autorisierten Downloads. Die Downloads machen angeblich ca. die Hälfte der Schäden aus. Daraus ergiben sich dann weltweite Gesamtschäden der Medienidustrie durch Downloads von ca. 4,6 Mrd. Euro.
    Den Anteil an den Schäden der in Europa entsteht schätzen wir mal großzügig auf ein Viertel der Welt-Gesamt-Schäden, dann bleibt noch ein Schaden von 1,15 Milliarden Euro in Europa.
    Bei ca. 490 Millionen Europäern bleibt dann ein angeblicher Schaden pro Kopf von weniger als 2,5 Euro, wobei dieser Betrag mit den fragwürdigen Methoden und Annahmen berechnet worden ist die ich in den letzten drei Punkten kritisiert habe, also vielleicht noch viel geringer angesetzt werden müsste.

Wie gezeigt liegt der Schaden der Film- und Musikindustrie sogar dann wenn man ihre eigenen fragwürdigen Berechnungen als zutreffend annimmt bei weniger als 2,5 Euro pro Europäer.
Das ist ein Schaden in Bagatell-Höhe. Bei diesem Schaden würde die Staatsanwaltschaft bei Ladendiebstahl nur noch auf Antrag ermitteln. Das nur am Rande, für alle Freunde des "Ladendiebstahl"-Vergleichs, der da lautet "Illegale Downloads müssen bekämpft werden, denn Ladendiebstahl wird ja auch bestraft!". Ich halte fest: Bei Ladendiebstahl gilt ein Betrag von weniger als 50€ als Bagatellbetrag und die Staatsanwaltschaft wird im Normalfall gar nicht erst tätig, bei möglichen illegalen Downloads reicht ein hypothetischer Schaden von weniger als drei Euro um europaweit Grundrechte schleifen zu wollen.

Angesichts dieser geringen Schäden müssten denkende Politiker eigenltich darüber nachsinnen ob der Aufwand die Kommunikation von Millionen von Menschen zu überwachen und der Eingriff in die Grundrechte aller dieser Menschen angesichts der lächerlich winzigen Schadenshöhe überhaupt irgendwie zu rechtfertigen ist, nur um der Medienindustrie einen Gefallen zu tun.

Man muss auch die wirtschaftliche Seite betrachten: Wieviel kostet die Durchleuchtung der Kommunikation aller Einwohner Deutschlands wohl pro Jahr und pro Einwohner? Wieviel kosten ggf. die Abmahnungen, Netzsperren etc.? Bestimmt mehr als nur ein paar Euro!
Es kann daher nicht sein dass der Staat einen Teil der Wirtschaft verpflichtet zu hohen Kosten die Grundrechte seiner Bürger zu beschneiden um einem anderen Teil der Wirtschaft hypothetische Gewinne zu ermöglichen. Dies ist auch wirtschaftlich blödsinnig weil die Kosten dafür höher sind als die an anderer Stelle dadurch angeblich zu erzielende Wirtschafts-Mehrleistung.