Auf Empfehlung einer Facebook-Freundin (also eigentlich einer entfernteren Bekannten, wenn man so will) habe ich das überaus interessante Buch Moral Politics von George Lakoff gelesen.
In diesem Buch geht es ganz grob gesagt um zwei Dinge. Erstens um "Moral" im Sinne von "richtigem Verhalten" im Kontext von Politik, also um die Frage: Welche Politik ist "richtig", und welche unterbewussten Wertemodelle führen zu welchen politischen Ansichten.
Zweitens um die Frage, wie man in der politischen Auseinandersetzung mit den Methoden der kognitiven Linguistik die Debatte im Sinne des eigenen Wertemodells beeinflussen kann.
Die Lektüre des Buchs hat mich in meiner These bestätigt, dass die FDP einen fatalen Fehler begeht mit ihrer häufigen Annahme, Themen würden für sich sprechen; die Menschen würden schon erkennen dass die Politik der FDP die bessere Politik ist; die Menschen müssten doch eigentlich im eigenen Interesse FDP wählen etc..
Die Psychologie hat längst erkannt, dass Menschen nicht so funktionieren wie sich viele FDP-Mitglieder das vorstellen. Sie handeln nicht wie der "Homo oeconomicus". Sie leisten nicht unbedingt mehr, wenn man ihnen mehr Geld bezahlt. Leistungsdruck kann die Leistung steigern, aber auch zum Zusammenbruch führen. Die FDP versteht die meisten Wähler nicht. Warum wählen die Menschen die Grünen, obwohl dann das Benzin teurer wird? Warum wählen die Menschen die SPD, die Union, gar die Linke oder die NPD?
Hier könnte - vielleicht mit den Mitteln der in Lakoffs Buch vorgestellten Erklärungsmodelle für die Weltsicht der verschiedenen politischen Lager - die FDP noch viel lernen.
Denn nur wenn man den Wähler versteht kann man den Wähler richtig ansprechen. Marketing muss maßgeschneidert sein, und ohne Verständnis für die Zielgruppe kann eine Kampagne nicht funktionieren.
Ein wichtiger Punkt aus Lakoffs Buch ist die Tatsache, dass Sprache nie neutral ist. Begriffe implizieren oftmals schon bestimmte Zusammenhänge und Interpretationen. Beim Begriff "Neoliberalismus" ist es dem politischen Gegner gelungen, den wirtschaftswissenschaftlichen, neutralen Begriff zu kapern und mit Nebenbedeutungen ("Heuschrecken", "soziale Kälte") aufzuladen, und die FDP hat das nichteinmal realisiert. Verständnis- und Hilfslos sah man sich plötzlich mit der Tatsache konfrontiert dass es dem politischen Gegner gelungen war einen eigentlich aus FDP-Sicht positiven Begriff zu vereinahmen und zu vergiften und gegen die FDP zu verwenden. Aus diesem Unverständnis heraus hat man sich bei der FDP nicht sofort von dem Begriff distanziert und einen neuen, anderen Begriff dagegen gesetzt. Monatelang hat man sich vom politischen Gegner vorführen lassen bis (viel zu spät) eine Gegenkampagne gestartet wurde, und bis man mit dem "mitfühlenden Liberalismus" einen neuen, positiven, von der FDP kontrollierten neuen Leitbegriff für die liberale Politik erschaffen hat.
Wer das Vokabular einer politischen Auseinandersetzung beeinflussen kann, der kann die Debatte selbst beeinflussen. Wer aus Präsident Chirac "Hiroshirac" macht, der ist - auch wenn man das bei der FDP gerne glauben würde - nicht nur ein Clown, der ein blödes Schmähwort kreiert, er ist jemand der die Assoziation Chirac-Hiroshima-Atomtests-Umweltkatastrophe-Massenmord unterschwellig auch in die Gedanken derjenigen pflanzt, die diese Assoziation eigentlich nicht korrekt finden. Sobald vom Waldsterben geredet wird ist der Gedanke, dass der Wald stirbt auch in den Gedanken derjenigen, die nicht daran glauben. Killerspiele, Nacktscanner, der Parteiname "die Grünen", diese Begriffe sind nicht neutral, sie suggerieren dass 3D-Shooter zu Gewalt führen, dass Terahertz-Scanner Menschen entblößen und ggf. bloßstellen, dass "die Grünen" irgendwie etwas mit satten Wiesen und gesunden Wäldern zu tun haben - die Macht der Linguistik, der Wahrnehmungspsychologie, des Unterbewussten, diese Macht wirkt, stärker als jedes rationale Argument, stärker als Zahlen und Fakten. Die Angst vor der Atomkraft ist stärker als jede Statistik, so wie Angst generell eine starke Motivation ist: Viele Werbungen operieren mit Angst. Angst vor kaputten Zähnen, Angst eine schlechte Mutter zu sein, Angst vor Mundgeruch, Angst vor dem Alter, vor Unglücken, davor dass Mädchen/den Typen nicht zu kriegen, dick zu werden etc.. Die Werbungen, die nicht mit Angst operieren versuchen, Wünsche zu wecken und die Erfüllung des Wunsches durch das beworbene Produkt zu versprechen... Freiheit beim Fahren, Genuss beim Biertrinken auf dem Segelboot, etc..
Ambitionierte Hobby- und Profi-Politiker mögen die Zeit haben, sich zumindest in ein Thema gründlich einzuarbeiten - die Wähler haben es nicht. Sie entscheiden aus dem Bauch heraus. Hier sind keine Fakten, in stundenlangen Diskussionen gewonnene Erkenntnisse gefragt, hier müssen Inhalte psychologisch geschickt und für das Unterbewusstsein leicht verarbeitbar verpackt werden. Der Claim, wie es im Werbeslang so schön heißt, muss emotional aufgeladen und ins Bewusstsein der Wähler gebracht werden. Bei Debatten darf man sich nie darauf einlassen, vom Gegner mit Bedeutung aufgeladene Begriffe zu nutzen! Statt dessen sind nötigenfalls eigene Begriffe zu erfinden und konsequent zu verwenden. Die Strategie des Gegners muss analysiert, dekonstruiert und mit geeigneten Mitteln angegriffen werden.
Die eigene Weltsicht muss propagiert und die Weltsicht des Gegners bekämpft werden, indem so oft wie möglich Zweifel an der gegnerischen Weltsicht und deren Wert-Gewichtungen gesät wird.
Um es Zusammenzufassen: Weil die FDP eine rationale Partei ist, muss sie die Erkenntnisse der Psychologie und der kognitiven Linguistik ernst nehmen und für sich nutzen. Rein auf die Ratio zu setzen ist - paradox, aber wahr - irrational.