Thilo Sarrazin erfährt dieser Tage viel Aufmerksamkeit für sein Buch "Deutschland schafft sich ab".
Durchsetzt mit kontroversen Behauptungen soll das Buch die These untermauern, dass die Einwanderung Deutschland mehr schadet als nutzt - so mein Eindruck.
Die SPD will das SPD-Mitglied Sarrazin wegen dieser These des Buches aus der Partei werfen, doch 90% der SPD-Mitglieder scheinen dagegen zu sein. Anscheinend befriedigt Sarrazin mit seinen Anschuldigungen vor allem gegen muslimische Ausländer irgendein Bedürfnis. Anscheinend wird sei Buch so empfunden, dass "endlich mal jemand was sagt".
Ich kann mir das nur so erklären: Die Politik lässt das Volk mit den Alltags-Problemen der Zuwanderung und der Integration allein. Die Menschen haben Probleme und Ängste, aber niemand scheint darauf einzugehen.
Politiker fordern in "Reden ans Volk" gern, Intoleranz nicht zu tolerieren, fest auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu stehen, die Rechte von Frauen einzufordern etc., außerdem natürlich immer nett und freundlich zu Migranten und gegenüber anderen Kulturen zu sein etc., aber es wird nicht gesagt, wie man das im Alltag umsetzen soll.
Ist offene Ablehnung von Burkas, Kopftüchern, Burkinis, Frauen die kein Deutsch sprechen, Männern mit Jesus-Hemden und Häkel-Mützen etc. legitim oder Muslim- bzw. Ausländer-feindlich oder gleich rassistisch?
Und wie unterscheidet man überhaupt einen vorbildlichen Migranten oder einen in der Wolle gefärbt freiheitlich-demokratischen Muslim, der die Scharia nicht so wichtig findet von einem Ehrenmord-Frauenprügel-Fanatiker? Ist ein wenig Angst vor Muslimen angesichts der Existenz letztgenannter Sorte von Menschen nicht verständlich?
Sollen wir auch diejenigen Migranten, die sich nicht integrieren wollen und Bräuche mitbringen, die wir für rückständig und mit den Werten unserer Verfassung unvereinbar halten, mit offenen Armen empfangen? Oder wäre es hier angebracht, durch Ablehnung zu unterstreichen, dass Zwangsheiraten etc. in Europa nicht gern gesehen sind?
Wie drücken sich Zivilcourage und Engagement für liberale Werte und Menschenrechte im alltäglichen Zusammenleben, bzw. im Zweifel in der alltäglichen Konfronation mit Menschen aus, die diese Werte nicht teilen?
Ist es illegitim sich zu wünschen, dass Menschen, die unsere Werte nicht teilen, bitte in ihr Menschenrechts-Schwellenland zurückgehen sollen, aus dem sie gekommen sind, und "uns" in Ruhe lassen?
Ist es vielleicht besser, auf Neuankömmlinge aktiv zuzugehen, sie einzubinden, quasi zu überrumpeln, um sie mit unseren Werten zu "imprägnieren"? Hat die Bevölkerung andererseits die Pflicht, soetwas zu tun, oder haben Migranten eine Bringschuld, sich selbst zu integrieren?
Haben ultrareligiöse Fanatiker überhaupt eine Chance, in unserer Fun- und Konsumgesellschaft dauerhaft ultrareligiös und fanatisch zu bleiben und ebensolche Kinder großzuziehen? Oder vertrauen wir darauf, dass unsere Lebensart und unsere Gesellschaft auf Dauer jeden assimilieren werden?
Welche Chance hat schon ein hunderte Jahre alter Text gegen die Überzeugungskraft unserer psychologisch optimierten Werbeindustrie und ihrer Wunder-Welten? Ist die Beste Strategie zur Integration also womöglich einfach "Abwarten"?
Diese Fragen gilt es zu beantworten, wenn sich nicht weiterhin in der Bevölkerung der Eindruck festsetzen soll, dass die Politik nur über Integration redet, Politiker sich nur bei Multikulti-Schönwetter-Veranstaltungen mit Vorzeige-Migranten zeigen, aber mögliche Probleme der Bevölkerung im Alltag im Umgang mit womöglich schwierigen Migranten niemals angesprochen, bzw. solche Probleme im Zweifel als ausländerfeindlich und "böse" diffamiert werden.
Sarrazin ist nur deshalb so erfolgreich im "Tabu-Brechen" mit seinem Buch, weil die Menschen trotz aller gegenteiliger Beteuerungen von Politik und Medien das Gefühl haben, dass dieses Thema tatsächlich ein Tabu ist.