Lernen != Umfallen

Journalisten stehen unter einem bestimmten Druck. Auflagen und Quoten müssen erreicht werden, der Journalist will irgendwie von seiner Tätigkeit leben; verständlich also dass Journalisten mit ihren Werken Aufmerksamkeit generieren müssen.

Daraus resultieren dann Artikel und TV-Beiträge, die unnötig zuspitzen, Fakten selektiv auswählen, beziehungsweise generell fabriziert sind um den Konsumenten aufzuregen und dadurch Aufmerksamheit zu erzeugen, nötigenfalls auch an den Fakten vorbei.

Ein beliebter, einfacher und irgendwie auch teilweise kontraproduktiver und dummer "Trick" in Interviews ist es, Politikern vorzuwerfen ihre Meinung geändert zu haben.

Da frage ich mich schon: Sind Politiker nicht auch Menschen, die lernen? Können nicht die Um-Gewichtung von Fakten oder neue Erkenntnisse relativ schnell zu einer Meinungsänderung führen?

Darf man Menschen vorwerfen dazuzulernen und den Mut zu haben einzugestehen dass sie vorher falsch lagen? Wollen die Journalisten eine Erstarrung der Verhältnisse herbei-interviewen, indem Sie jeden Politiker für alle Zeiten auf eine Position festnageln? Ist es nicht möglicherweise dieser dumme Interviewer-Taschenspieler-Trick mit dem "Haben sie nicht vor drei Jahren noch gesagt dass Atomkraft / Reichensteuer / Internetsperren okay wäre?" der dazu geführt hat das Politiker in Interviews mittlerweile zum Großteil überhaupt nichts konkretes mehr sagen?

Und warum in aller Welt wehrt sich nie irgendein Politiker entsprechend gegen den eigentlich sau-blöden Vorwurf der Meinungsänderung?

Die Welt ändert sich, die Dinge ändern sich, unser Informationsstand und unsere Erfahrungen verändern sich, entsprechend ändert sich unsere Meinung.
Internetsperren, Energiesparlampen, Euro-Rettungsschirme, komplexe Themen zu denen man je nach Informationsstand, bzw. je nachdem welchen Quellen man vertraut und je nach Herangehensweise ganz unterschiedliche Meinungen haben kann gibt es überall; dementsprechend können und müssen sich Meinungen dazu ggf. ändern (dürfen).

Etwas zu lernen und in Folge dessen seine Meinung zu ändern ist - auch wenn man noch viel mehr lernen zu lernen hat und seine Meinung vielleicht noch hundertmal ändern wird - immer richtig. Seine Meinung zu ändern muss also nicht heißen "Umzufallen".
Dass Politiker vielleicht manchmal einfach zu schnell irgendeine Meinung zu Protokoll geben die sie womöglich noch gar nicht durchdacht haben ist eine andere Sache, die jeder Politiker mit sich selbst ausmachen muss. Manchmal wäre es vielleicht besser zu sagen, dass man sich seine Meinung noch bilden muss.