Linke und Spinner gegen Gauck

Nachdem die FDP schließlich doch zur Einsicht gekommen ist dass eine angeblich liberale Partei sich nicht wie ein Appendix der Union verhalten, sondern im Zweifel den liberaleren Kandidaten wählen sollte wird Joachim Gauck womöglich doch noch Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.

Soweit so gut. Doch eine Allianz aus Linken und Spinnern tut ihr möglichstes um den Pfarrer und Bürgerrechtler Gauck zu diskreditieren - möglicherweise weil man Pfarrer und Bürgerrechtler in linken Spinnerkreisen nicht besonders mag.

Ein nicht völlig unbekannter Blogger der sich auf GCC-Mailinglisten hin und wieder über Probleme mit Compiler-Warnungen bei Integerüberläufen aufregen soll (manchmal durchaus zu Unrecht und in ziemlich kindischem Tonfall) hat in diesem Zusammenhang der Piratenpartei vorgeworfen handlungsunfähig zu sein, da sie nach Ansicht dieser Einzelperson den Kabarettisten Georg Schramm als eigenen Kandidaten hätte nominieren sollen.

Doch Für mich ist der Widerstand sowohl der Union als auch der Linken gegen Gauck in erster Linie ein Beweis dafür, dass Gauck irgendetwas richtig machen muss.

Sämtliche Vorwürfe gegen Gauck von denen ich gehört habe basieren entweder auf ideologischer Verblendung oder absichtlichem Falsch-Verstehen (Ein Einstieg in den Sumpf von Pro und Kontra findet sich bei der TAZ).

Denn Gauck hat recht: Die menschliche Gesellschaft wird immer auf irgendeiner Form von Marktwirtschaft basieren. Märkte braucht man nicht zu befehlen, sie entstehen von selbst. Darum kann Aufgabe vernünftiger Politik nur sein diese Märkte so zu gestalten und mit Regeln sinnvoll zu "umfrieden", dass diese Märkte tatsächlich zu einer Maximierung des Gemeinwohls beitragen, und nicht nur zu einer Maximierung des Einkommens weniger auf Kosten vieler. Eine durch sinnvolle Gesetze sozial befriedete, aber nicht überregulierte Marktwirtschaft ist immer noch das beste Gesellschaftssystem das bekannt ist - und das ärgert die Linke maßlos. So sehr, dass jeder der ihrer kruden Theorie des "demokratischen Sozialismus" widerspricht und zwischen "sozialer Marktwirtschaft" und "(Manchester-)Kapitalismus" differenziert mit extrem biestigen und im Grunde tatsächlich albernen, da substanzlosen Anwürfen überzogen wird.

Gauck hat in gewisser Weise auch Recht damit dass Sarrazin mutig gewesen sei sein Buch zu veröffentlichen. Ganz unabhängig davon ob das Buch tatsächlich in irgendeiner Weise die Debatte um Integration und Angst vor Ausländern weitergebracht hat oder nur ein hetzerisches Machwerk eines notorischen Ausländerfeindes ist - wissentlich einen Shit-Storm auf sich zu ziehen hat schon etwas von "mutig", wenngleich einem auch die Idee kommen mag dass "tollkühn" oder "bescheuert" vielleicht die besseren Adjektive zur Beschreibung seiner Buchveröffentlichung sein könnten, je nachdem welche Intention und welche Einsicht man Sarrazin selbst bezüglich des Inhaltes seines Buches unterstellt bzw. zugesteht. Wie auch immer - sich gegen die Mehrheit zu stellen erfordert Mut - auch wenn man Thilo Sarrazin zwecks kompletter Stigmatisierung als irrer Nazi keinerlei menschliche Tugenden zugestehen möchte bleibt das wahr, und nichts anderes hat Gauck ausgedrückt.

Gauck ist Pfarrer, und er soll sich einmal positiv über HartzIV geäußert haben. Das macht ihn für Linke anscheinend zu einem reaktionären, sexistischen (weitere Adjektive hier einfügen) und letzlich neoliberalen Agenten der Inquisition. Mindestens. Aber wenn wir mal darüber nachdenken dass Hartz IV von der SPD eingeführt wurde, und dass es vor Hartz IV ein noch komplizierteres, intransparenteres und damit womöglich noch ungerechteres System gab - wie schlimm kann dann Hartz IV schon sein, wo es doch unter Union, SPD, FDP und Grünen quasi einen Konsens zu geben scheint dass Hartz IV ein Schritt in die richtige Richtung war? Natürlich kann man für ein noch besseres System eintreten und hoffen zu wissen welches System das sein könnte. Aber Gauck zu dämonisieren weil er etwas gesagt haben soll dass in 80% des politischen Spektrums Konsens zu sein scheint ist abwegig und zeugt von dem verblendeten inquisitorischen Eifer der doch eigentlich den so Angegriffenen auszeichnen sollte.

Die christliche Kirche ist in linksliberalen und damit piratigen Kreisen sehr unbeliebt. Aber müssen wir den Protestanten Gauck deswegen verantwortlich machen für die Fehler und Sünden vor allem der katholischen Kirche mit ihrer patriarchalisch-repressiven Struktur die es so in der evangelisch-lutherischen Kirche gar nicht gibt? Müssen wir den christlichen Glauben, der vielleicht Opium, vielleicht aber auch nur harmlose Homöopathie für's Volk ist (der Placebo-Effekt kann heilen!) vehement ablehnen nur weil wir nicht glauben, weil wir "Glauben" für blödsinnig halten, weil wir vielleicht Menschen sind die z.B. den Absurdismus ertragen können?
Die Freiheit endet bekanntlich immer bei der Freiheit der anderen - und wenn die "anderen" sich einem so harmlosen Vergnügen wie dem heutigen, ent-fanatisierten und freiheitlich-demokratisch eingefriedeten christlichen Glauben hingeben gibt es eigentlich nicht viel gegen das man protestieren könnte, müsste oder sollte.
Auf jedem Fall können wir Gauck für seinen Glauben und seinen Job als Pfarrer keinen Strick drehen, könnten doch auch Piraten oder gar Linke aus der Bibel das herauslesen was sie wollen: Als Jesus die judäische Lebensmittelindustrie durch die 10.000-fache Privatkopie von Brot und Fischen ruiniert oder der heilige St. Martin seinen Mantel zerschneidet um einem Armen zu helfen, als Jesus verkündet dass kein reicher Mann ins Himmelsreich kommen wird - an vielen Stellen in der Bibel könnten auch wir Gleichnisse finden die piratige politische Vorstellungen stützen könnten. Wie auch immer - ein Teil des Widerstands gegen Gauck scheint einer reflexartigen und nicht rational begründeten Ablehnung des christlichen Glaubens und von Glauben an sich zu entspringen, denn weder die Person Gauck noch der christliche Glauben moderner Ausprägung sind meiner Meinung nach an sich inkompatibel mit fortschrittlichen politischen Ideen für eine offenere, gerechterere Gesellschaft.

Die Idee einen linken Kabarettisten als Bundespräsidenten vorzuschlagen ist lustig, aber nicht zielführend. Die Aufgabe des Bundespräsidenten ist es den Laden zusammenzuhalten, nicht, ihn zu sprengen; das ist die Aufgabe der Kabarettisten!

Die Piratenpartei tut gut daran sich nicht lächerlich zu machen indem sie einen von vorneherein chancenlosen Kandidaten aufstellt von dem ich mir auch nicht vorstellen kann dass er die Wahl annähme, wenn er denn rein hypothetisch gewönne.

Entweder man glaubt an die Notwendigkeit des Amtes des Bundespräsidenten (ich finde es sehr beruhigend dass es jemanden gibt der im Zweifel - wie Köhler - Gesetze wie die Vorratsdatenspeicherung nicht unterschreiben kann) - dann sollte man sinnvolle Kandidaten vorschlagen.

Oder man glaubt nicht an die Notwendigkeit des Amtes des Bundespräsidenten - dann sollte man vorschlagen das Amt abzuschaffen, aber nicht irgendwelche Scherz-Kandidaten vorschlagen. Die Spaß-Partei ist die FDP, und das sollte meiner Basis-piratigen Meinung nach auch so bleiben.

Die Bundesspitze der Piratenpartei sollte sich jedenfalls nicht vom lunatic fringe dazu bringen lassen Unsinn zu machen.

Und da Gauck offensichtlich jemand ist der bei Union und Linker unbeliebt ist weil er weder den Konservativen noch den Linken in den Arsch kriecht (mal so auf deutsch gesagt), ist er der beste Kandidat den wir seit langem hatten.

Kommentare

Man kann sehr wohl einen Strick drehen!

Ich bewege mich ja seit einiger Zeit in der säkularen Szene und "wir" können und werden jedem bekennenden Christen sehr wohl einen Strick aus seiner Glaubensüberzeugung drehen!

Generell gilt, dass die säkulare Szene, jedem die Fähigkeit abspricht rationale Entscheidungen zu treffen, der an einen "jüdischen-zombie-Rabbi" glaubt, die Bibel für ein moralisches Buch hält und meint, der christliche Glaube habe einen positiven Beitrag zur Entwicklung der westlichen Gesellschaft, wie wir sie heute kennen, geleistet!

Von daher, "muss ich doch sehr bitten!", da ich mich, weil ich mich nicht als "Linker" verstehe, unter Spinner subsumiert fühle!

Aber: Gauck war wahrscheinlich die beste Person für diesen Job. Zu hoffen bleibt, dass sich seine religiösen Überzeugungen nicht allzu sehr in seiner Amtsführung widerspiegeln.

Nihilistische Urmenschen

Wir werden nie erfahren ob sich ohne Glauben überhaupt irgendetwas entwickelt hätte. Wären die Urmenschen Nihilisten gewesen hätten sie sich vielleicht in der letzten Eiszeit in ihren Höhlen aufgehängt.
Dass "Glaube" positive Auswirkungen hat, z.B. auf die mentale Stabilität, ist wissenschaftlich erwiesen. Damit hat der Glaube zumindest eine positive Auswirkung auf die Gesellschaft bzw. einzelne ihrer Mitglieder. These widerlegt :-)

Oft nicht Piraten

Was in der Sache übrigens auch erwähnenswert wäre:
Wenn man mal genauer schaut welche Leute die Mailingliste bzw. das SyncForum der Piraten missbraucht um dort zu diesem Thema rumzutrollen, dann stellt man fest, daß es sich in der Regel nicht um Mitglieder der Piratenpartei handel.
Es wird der Eindruck geweckt, daß es von der Piratenpartei kommt, indem dessen Werkzeuge verwendet werden, die die Partei allgemein zur freien und unkontrollierten Nutzung zur Verfügung stellt. Aber dem ist wirklich nicht so.

Du selbst kennst das Problem aus deiner Zeit beim SELFForum ja auch noch. Einerseits möchte man ein offenes und freues Werkzeug zur Diskussion anbieten. Andererseits wird es oftmals von geistigen Tieffliegern oder Sockenpuppen missbraucht. Was tut man dagegen?

Mooooment

Du fingst gut an, weil du eben die falschen Pauschalierungen klarstellen wolltest.
Aber hier nutzt du selbst eine:
"Die christliche Kirche ist in linksliberalen und damit piratigen Kreisen sehr unbeliebt."

Ich bin Christ und Pirat.
In dieser Reihenfolge.
Und das finde ich gut so.

Gauck ,der Neoleberale

Von dem Mitglied einer sterbenden Partei ,darf man wohl keinen anderen Artikel erwarten. Auch bei Facebook werden Gauck Kritiker in die Ecke von Linken und Spinnern gestellt. Vergleicht man jedoch ihre Kommentare mit den Pro Gaucklern, stellt man fest, das Niveau ist auf einen viel höheren Level.

Nun gut...

Du hast mich erwischt. Wer ohne Fehl ist, der werfe den ersten Stein :-)